Ein Höhepunkt des ritterlichen Lebens war das Turnier, in
dem um Status und um Anerkennung in der Damenwelt gebuhlt wurde. Das Turnier
stellte nicht nur ein sportliches Ereignis dar, in dem die Teilnehmer vor allem
durch Lust am Risiko, teure und aufwendige Harnische und sportliche
Höchstleistung zu imponieren versuchten – es war auch das bedeutendste
gesellschaftliche Event der Oberschicht dieser Tage. Der Einsatz von
Kriegswaffen führte dazu, dass der Turnierkampf alles andere als harmlos war und
nicht selten mit schweren Verletzungen und auch Todesfällen endete. 1130 suchte
man das Risiko zu vermindern, indem scharfe Lanzen verboten wurden, und nur
noch der Einsatz von Cortesí, das sind Lanzen mit einem Kopf aus drei stumpfen
Spitzen, erlaubt war. Dieses Verbot wurde jedoch aus Lust am Risiko nicht immer
eingehalten und 1316 schließlich wieder aufgehoben.
Hinzu kam bei den
Turnieren, dass sie von den Teilnehmern auch als Gelegenheit genutzt wurden, um
alte Rechnungen zu begleichen. In diesen Fällen verloren sie ihren sportlichen
Charakter und wurden zu Duellen. Trotz strenger Regulierungen in Form von
Turnierordnungen, führte die Risikobereitschaft der Ritter auch dazu, dass mit
offenem Visier gekämpft wurde und das Verletzungsrisiko erheblich zunahm.
Dies
geschah jedoch auch, um die Sicht zu verbessern, welche durch die Sehschlitze
des Helmes stark eingeschränkt war.
Da es viele verschiedene Turnierformen mit verschiedensten
Kampfformen gab, kann in diesem Kapitel das Turnier nur verallgemeinernd
beschrieben werden - jedes Turnier stellte aber eine einzigartige Zusammenkunft
dar. So gab es Kämpfe von Gruppen gegeneinander, zwischen einzelnen
Teilnehmern, Kämpfe zu Pferd und zu Fuß. Auch kuriose Sonderereignisse wurden
in den Ablauf mit eingebracht, wie z.B. das Erobern einer künstlich angelegten
Festung durch ein Team von Teilnehmern, die von der gegnerischen Gruppe
verteidigt wurde.
Bei Turnieren wurden die verschiedensten
Waffen
eingesetzt,
wie Lanzen, Helmbarte, Pike, Axt, Streithammer, Dolch, Wurfspieß, Schwert und
Kolben. Und auch die jeweilige Zielsetzung des Kampfes, wurde bei den Turnieren
individuell festgelegt. Nach Verbot des Turniers mit scharfen Lanzen zu Pferde(Rennen),
war es im Gestech (Kampf mit stumpfen Lanzen) meistens das Ziel, den Gegner aus
dem Sattel zu werfen.
Als Variante wurden auch Kämpfe ausgetragen, in denen ein
kleiner Spiegel auf dem Schild des Gegners getroffen werden musste, oder auch
ein Auslöser für eine mit Sprungfedern gespannte Mechanik, die den Schild beim
Treffer hoch durch die Luft schleuderte (siehe Abbildung).
Wenn es darum ging, den Gegner aus dem Sattel zu werfen,
traten die Opponenten mit Sätteln an, die nicht wie üblich zwei hohe Ränder
hatten, sondern deren hinterer Rand abgeflacht war, so dass es leicht möglich
war, den Ritter bei einem Treffer nach hinten abrutschen zu lassen. Dabei galt
es als besonders beachtenswert, wenn die Lanze des Gegners beim Aufprall
zerbrach. Dies führte in Deutschland zu einer Variante dieser Kampfform, dem
sog. Gestech im hohen Zeug, bei dem sich die Ritter am vorderen Sattelrand
festgurteten, um einerseits schlecht abgeworfen werden zu können, und
andererseits die Lanze des Gegners brechen zu lassen. Hier entstanden schwerste
Verletzungen. Beim Treffen brachen sich die Kämpfer oft die Oberschenkel und
manchmal sogar das Rückgrat, wenn die Lanzen der Belastung standhielten und
nicht durch Brechen nachgaben.
Trotzdem versuchte man, bei den Turnieren die Sicherheit der
Teilnehmer einigermaßen zu gewährleisten. Ein Schiedsrichter überwachte mit Persevanten
und Herolden das Geschehen und konnte den Kampf abbrechen, wenn er seiner
Meinung nach zu gefährlich wurde. Dies war natürlich beim Kampf zu Pferde
schwer möglich, da das eigentliche Treffen der Kontrahenten nur den Augenblick
des Zusammenpralls umfasste. Auch gab es eine Turnierordnung, die viele
Bereiche des Kampfes streng regelte. Weiterhin wurden ab 1420 beim Gestech
Schranken eingeführt.
Beide Rivalen ritten an jeweils einer Seite der Schranke
entlang und führten die Lanze darüber hinweg. Auf diese Weise sollten
Kollisionen der Pferde vermieden werden, die weitaus gefährlicher waren, als
vom Gegner abgeworfen zu werden. Wie kam es überhaupt dazu, dass die Pferde
bereit waren, mit voller Wucht auf die gegnerische Partei zuzustürmen? Dies war
das Ergebnis einer langwierigen Dressur und dem Anlegen von Augenklappen beim
Pferd. Natürlich waren solche Schlachtrösser außerordentlich kostbar, daher
wurden sie beim Gestech zusätzlich geschützt durch einen Pferdeharnisch oder
aber einen Stechsack, einer dicken Polsterung an der Vorderseite des Pferdes. Die
Schranken beim Turnier, auch Planken genannt, wurden jedoch längst nicht
überall eingeführt und gerade das Rennen, also der Kampf zu Pferd mit der
scharfen Lanze, wurde weiter ohne Schranken bestritten.
Ab der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts wurde die
Schranke dann auch im Fußkampf eingeführt. Hier war sie in Brusthöhe angebracht
und sollte verhindern, dass die Kämpfer gefährliche Tiefschläge ausführen
konnten.
Und auch die Turnierordnung war bei den Fußkämpfern sehr streng. Oft
war die Anzahl der Hiebe begrenzt und sie mussten abwechselnd zuschlagen. Ziel
war es bei den Fußkämpfen den Gegner zu Boden zu werfen.
Wie die Beispiele der Regulierung der Kämpfe zu Pferde und
zu Fuß durch die Turnierordnung schon zeigen, waren Ritterturniere sehr gut
organisiert. Meist dauerten sie mehrere Tage und hatten dabei ein Oberthema. Es
kam aber auch vor, dass ein Turnier ein ganzes Jahr lang dauerte und dann an
ein oder zwei Tagen im Monat gekämpft wurde. Für das Turnier wurde ein
Turnierplatz eingerichtet auf dessen eigentlicher Kampffläche Sand aufgefahren wurde.
Am Rande installierte man eine Tribüne, die reich mit Laub geschmückt wurde und
mit farbenfrohen Teppichen behängt war. In einigen Fällen wurde auch ein
Szenario dargestellt, wie eine Heldenepik. Nicht weniger in Schale geworfen
gaben sich die Gäste, welche auf der Tribüne Platz nahmen. Da es sich um das
wichtigste gesellschaftliche Ereignis dieser Zeit handelte, erschienen sie in
kostbaren Prunkharnischen und Kostümen, die Heldenfiguren darstellten. Für die
Versorgung der Gäste und Turnierteilnehmer baute man Pavillons auf. Einige Pavillons
dienten dabei als Umkleidekabinen in denen die Pagen und Schildknappen, die ein
Ritter stets mit sich führte, dem Kämpfer die Rüstung anlegten. Diese war im
Gegensatz zur Kriegsrüstung so schwer, dass sie nicht allein angelegt werden
konnte. Weiterhin waren die Pagen dafür zuständig, ihrem Herren beim Kampf zu
Hilfe zu eilen, wenn er z.B. vom Pferd fiel und aus dem Getümmel eines
Gruppenkampfs gezogen werden musste .
Pavillons fungierten weiterhin zum Servieren von
Erfrischungen. Die technische Organisation war dabei umfangreich und wurde von
Dienern gestützt, die für das Wohlergehen von Teilnehmern und Gästen sorgten. Am
Ende des Turnierplatzes stand meist ein Baum oder Gegenstand, der mit farbigen
Schilden behängt war, die die angebotenen Kampfarten darstellten. Zu einem
festgelegten Zeitpunkt berührten die Ritter die Schilde und gaben auf diese
Weise bekannt, an welchen Kämpfen sie teilnehmen wollten. Dies wurde von
Herolden notiert und die Kampfpaare und – Gruppen zusammengestellt. Von
Trompeten und Trommeln untermalt, eröffnete man die Spiele, deren Gewinn häufig
mit einer vergoldeten Prunkwaffe prämiert wurde. Nachdem sämtliche
Kampfkategorien absolviert worden waren – meist begann man mit dem Gestech und führte
danach die Fußkämpfe durch – wurde zum Abschluß ein Festmahl gereicht, dass aus
mehreren Gängen bestand. Diener und Pagen sorgten für das Wohlergehen der Gäste
und boten zwischen den Gängen auch ein Unterhaltungsprogramm. Den
Höhepunkt bildete die Siegerehrung mit der Verleihung von Prunkwaffen und
Juwelen.
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